ÖFFENTLICHER BÜRGER-GARTEN DER ERINNERUNG

Der Garten in der Wissmannstraße 11, entstanden 1891/92, ist der wahrscheinlich älteste angelegte Garten in Berlin-Grunewald. Von 1921 bis 1939  gehörte er der jüdischen Familie Barasch. Nun soll dort eine Villa gebaut werden. Damit wären der Garten und mit ihm bedeutende Spuren jüdischen Lebens in Berlin verloren. Der Garten könnte verwandelt werden in einen „Öffentlichen Bürgergarten der Erinnerung“. Vielleicht lässt sich der Investor Ralf Schmitz Immobilien für diese Idee gewinnen?

Die Vision

Wie wäre das, wenn Irene und Artur Barasch mit ihren Kindern Werner und Else zu uns zurückkehren könnten, mit all ihren Talenten und Neigungen. Wenn sie wieder im Garten der Wissmannstraße 11 sitzen könnten, den steinernen Löwen betrachten, dem Wasserspiel zuschauen, die Pfauen Rad schlagen sehen und auch das Meckern der Ziegen von hinten aus dem Wirtschaftsgarten vernehmen.

Und wenn ihre Kinder, Enkel und Urenkel Toni, Chris und Alan, Cory, Stacey, Lesley, Tito, Wesley und Hannah und auch die Großnichte Lili in den Garten kämen und wir könnten ihnen sagen: Dies ist Euer Garten, der „Garten der Erinnerung“ für Eure und die vielen jüdischen Familien, die durch die Nationalsozialisten gelitten haben, und der im letzten Moment gerettet wurde vor der Bebauung mit einer Villa.

Antrieb für den Garten der Erinnerung ist der Wunsch, diese vier Menschen, die einst lebendig waren, den so richtigen und wichtigen, aber eben auch festgefügten Kategorien der verfolgten Juden, der ermordeten Juden, der vertriebenen Juden zu entreißen und sie als Menschen sichtbar zu machen, in ihrer Fülle, ihrer Lebhaftigkeit, ihrer Anlagen und vielleicht auch in ihren Schwächen.

„Wer kämpft und läuft davon, kann wieder fangen an. Wer untergeht, bleibt liegen, und kann nie wieder siegen.“

Mit diesen Worten des irischen Arztes, Schriftstellers und Naturphilosophen Oliver Goldsmith leitet Werner Barasch seine autobiografische Skizze „Entronnen“ über seine siebenjährige Flucht vor den Nationalsozialisten quer durch Europa ein. Das Zitat wirkt schwach; es ist eine Feier des Davonlaufens. Aber wie muss eine Zeit beschaffen sein, wenn das Davonlaufen können zur Tugend wird, eben weil nur der, der davonläuft, leben kann, während der, der bleibt, untergeht?

Werner Barasch, der Sohn, lief davon und wurde später ein geachteter Naturwissenschaftler in den USA. Artur Barasch, der Vater, erfolgreicher Unternehmer in Breslau und Berlin, Träger des Eisernen Kreuzes, verliehen wegen „Tapferkeit vor dem Feind“ im 1. Weltkrieg, blieb da und kam im Konzentrationslager ums Leben. Irene Barasch-Haas, einst Dozentin an der Hochschule der Künste, gelang es nach Kuba zu fliehen und sich als Sprachlehrerin über Wasser zu halten, bis ihr dann die Überfahrt in die USA gelang. Else Barasch, später Else Ross, auch sie sprachbegabt, war als Psychologin und Ärztin vor allem in den hispanischen Communities in den USA tätig.

Ihr Davonlaufen war Stärke. Um wie viel besser hätte Berlin, hätte Deutschland sein können, wenn sie nicht hätten davonlaufen müssen?

Der Garten der Erinnerung will sie wieder lebendig machen und politischen Unterricht vor allem junger Menschen mit bürgerschaftlichem Engagement von Berlinerinnen und Berlinern aller Hintergründe für den Erhalt und die Pflege des Gartens verbinden. Einen solchen „Öffentlichen Garten der Erinnerung“ gibt es in Berlin nicht. Er wäre der einzige und einzigartig.

Geschichtlicher Hintergrund

Der Garten in der Wissmannstraße 11 ist der wahrscheinlich älteste angelegte Garten des Ortsteils Grunewald. In einer trotz allen Grüns immer mehr verbauten Umgebung gehört er heute zu den letzten großen Freiflächen mit einem über 130 Jahre alten Baumbestand, in dem eine Vielzahl von Vogelarten, Fledermäuse, Insekten und Eichhörnchen leben.

1891/92 baute der Architekt Wilhelm Walther auf dem Grundstück der Wissmannstraße 11 die rote Backsteinvilla und die hinter ihr liegende Remise. Der auf dem angrenzenden Grundstück entstandene Garten ist im vorderen Teil als Zier- und Wandelgarten der Villa zugeordnet und der Wirtschaftsgarten, von einer Hecke abgetrennt, der Remise.

Der jüdische Kaufmann Artur Barasch erwarb das Grundstück 1921. Im Jahr 1939 musste er es zwangsverkaufen. 1942 starb er im Konzentrationslager Sachsenhausen oder Auschwitz. Seine Frau Irene sowie die Kinder Else und Werner hatte er rechtzeitig ins Ausland bringen können.

In seinem Buch „Entronnen – autobiografische Skizze der Jahre 1938 bis 1946“ schildert sein Sohn Werner das Leben der Familie Barasch in der Wissmannstraße zur Zeit seiner Kindheit und Jugend vor und während der Zeit des aufkeimenden Nationalsozialismus. Vor allem aber beschreibt er seine siebenjährige Flucht durch Italien, Schweiz, Frankreich und Spanien. Kurz geht er auf sein Leben ab dem 8. Mai 1945 in den Vereinigten Staaten ein, wo er seine Mutter und Schwester wieder fand.

Ziele des Bürgergartens

Politische Bildung

Grundidee ist, in diesem Garten sehr konkret jungen Menschen anhand der Geschichte und des Leids der Familie Barasch Kenntnisse über das Schicksal der Juden in Berlin zu vermitteln. Abstrakte Kategorien werden hier individuell erfahrbar.

Grundlegende Materialien sind das Buch „Entronnen“, Dokumente aus den Archiven über Verfolgung und Entschädigung der Familie Barasch, Berichte und Fotos von den heute in Kalifornien lebenden Nachkommen sowie Berliner Zeitzeugen. Diese Dokumente können zum Anlegen eines Erinnerungsparcours genutzt werden.

Der Parcours kann über den Garten hinaus erweitert werden. Zur Deportation wurden die jüdischen Bürger mit Lastwagen bis zur Erdener Straße gebracht und mussten von dort aus zu Fuß durch die Wissmannstraße und Trabener Straße bis zum Bahnhof Grunewald gehen. Entlang dieser Straßen gibt es Stolpersteine für jüdische Bewohner des Grunewalds, die in Konzentrationslagern ermordet wurden. Ein Gang durch diese Straßen und der Besuch des Mahnmals am Gleis 17 würde den Abschluss des Erinnerns im Garten bilden, um dort über das persönliche Einzelschicksal der Familie Barasch hinaus der vielen ermordeten Juden zu gedenken.

Kollektive Aneignung

Schulen, Kirchengemeinden und Jugendverbände könnten in regelmäßigem Turnus Patenschaften für den Garten übernehmen. Jugendliche könnten zu „Erinnerungs-Lehrern“ ausgebildet werden, die dann selbst wieder Jugendliche unterrichten. Damit wäre eine Form für zukunftsweisende politische Jugendarbeit gegeben, die gewährleistet, dass die pädagogische Arbeit nicht von der Initiative einzelner Lehrer oder Jugendbetreuer abhängt. Zur Vorbereitung des Besuchs könnte eigenes didaktisches Lehrmaterial hergestellt werden.

Politisches Erinnern wird in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren ein völlig anderes sein als heute. Deshalb sollten stets wechselnde, künstlerische audio-visuelle Beiträge von Jugendlichen, die sich dem Erinnern widmen, im Garten ausgestellt werden, die diese Zeitspuren berücksichtigen.

Wiederherstellung des Gartens

Die Grundstruktur in Zier- und Wandelgarten sowie Wirtschaftsgarten ist heute noch erhalten. Zierbepflanzung, Obstbäume, Amphoren, eine Löwenskulptur, Wege und Treppen, ein Stall und ein kleiner Bunker sind noch vorhanden, Einzelelemente wie z.B. das Gewächshaus nicht mehr. In Zusammenarbeit mit Gartenhistorikern und Landschaftsarchitekten könnte der Garten aufgrund von dokumentarischem Material, Berichten von Zeitzeugen sowie vergleichenden Gärten aus der Entstehungszeit Ende des 19. Jahrhunderts wieder hergestellt werden, um ihm so seine Bedeutung als ältestem angelegtem Garten zurück zu geben.

Anerkennung des Gartens als Denkmal

Bei einer gelungenen Wiederherstellung könnte die Aufnahme des Gartens in die Liste der Berliner Denkmale beantragt werden. Er ist dort bereits unter den denkmalwerten Grün- und Gartenanlagen aufgeführt.

Erhalt und Pflege des Gartens

Berliner Bürgerinnen und Bürger werden mit ihren Gästen aus aller Welt dazu eingeladen, sich aktiv an der Gestaltung und am Erhalt des Gartens zu beteiligen. Dazu könnten einfache Gartenarbeiten wie Laubsammeln und Rasen mähen ebenso gehören wie das Anlegen von Blumen- und Gemüsebeeten oder das Ernten der Früchte von den Obstbäumen. Aber auch das Verweilen in Muse sollte dort seinen Platz finden.

Das Kennenlernen der künstlerischen Beiträge von jungen Menschen und der audiovisuellen Ausstellung bietet auch anderen Generationen und Kulturen die Chance für ihre persönliche Form des Erinnerns an die Zeit des Nationalsozialismus. Die Veranstaltung von themenbezogenen Konzerten und Lesungen könnte Bestandteil des bürgerschaftlichen Engagements sein.

Gemeinnütziger Verein und professionelles Gartenmanagement

Ein gemeinnütziger Verein „Freunde des öffentlichen Bürgergartens“ könnte mit einem professionellen städtischen Gartenmanagement an der Realisierung der Ziele zusammen arbeiten. Zur Finanzierung von Einzelzielen könnten öffentliche Fördergelder akquiriert werden. Die professionelle Bewerbung und das Marketing des Erinnerungsgartens in den Berliner und internationalen Medien könnten von beiden Akteuren geleistet werden.