GESCHICHTE

Am 8. Mai 1945 ankert ein portugiesischer Frachter mit 20 Passagieren im Hafen von Philadelphia (USA). Die meisten Menschen an Bord sind Flüchtlinge aus allen Teilen Europas. Unter ihnen befindet sich auch der 26 jährige Werner Barasch. Nach sieben Jahren Umherirrens durch Italien, Frankreich und Spanien, wo er etliche Male aus Internierungs- und Konzentrationslagern entfloh, gelangt er endlich zu seiner Mutter Irene Barasch-Haas und seiner Schwester Else. Am gleichen Tag unterzeichnet fern auf der anderen Seite des Atlantiks Deutschland die bedingungslose Kapitulation. Der 2. Weltkrieg, der 6 Millionen Juden das Leben gekostet hat, ist vorbei.

Werner Barasch ca. 1934

Werner Barasch war bereits 1934, ein Jahr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, von seinem Vater, dem jüdischen Kaufmann Artur Barasch, nach Italien geschickt worden. Dort sollte er, so schreibt er in „Entronnen“, seiner autobiographischen Skizze der Jahre der Verfolgung, seine Schulausbildung beenden und ein Studium aufnehmen. Im September 1938 besteht er die Abschlussprüfung am Königlichen Gymnasium im Rom. Artur Barasch kann zur Feier nicht kommen, denn jüdische Reisende werden besonders verfolgt. Werners Mutter jedoch, gerade aus Amerika zurückgekehrt, wo Werners Schwester Else ein Stipendium bekommen hatte, reist an. Inmitten der Überlegungen, ob Werner in Italien bleiben oder besser zu Verwandten in die Schweiz gehen soll, trifft die Nachricht ein: die Mutter kann nicht nach Berlin zurück. Sie hatte sich mehr als 2 Monate vom Deutschen Reich entfernt. Würde sie zurückkehren, hätte dies unweigerlich die Deportation in ein Konzentrationslager zur Folge. Die Eltern telefonieren miteinander. Artur teilt seiner Frau mit, dass er für sie den Auswanderungsantrag stellen und Reichsfluchtsteuer bezahlen muss. Wie soll es weiter gehen? Der Vater braucht dringend Geld, um den Lebensunterhalt für seine Frau und seine beiden Kinder zu sichern.

Villa

Der erfolgreiche Geschäftsmann hatte vor dem Ersten Weltkrieg mit seinem Bruder Georg eine Warenhauskette in Breslau gegründet. 1921 war er mit seiner Familie von Breslau nach Berlin-Grunewald gezogen und hatte dort das Grundstück Wissmannstraße 11 mit Villa, Gartenhaus und Garten gekauft. In der Not fügt sich Irene Barasch und willigt in den Verkauf der Villa ein. Am 5. Mai 1939 erwirbt der Kaufmann Franz Grossmann für 70.000 RM die Wissmannstraße 11. Allein, aus dem Erlös bleibt Artur Barasch nicht viel. Nach Abzug einer Hypothek erhält er 30.000 RM. Davon muss er sofort zahlen: Reichsfluchtsteuer und Judenvermögensabgabe. 4735 RM sind der spärliche Rest. Dazu erreicht ihn der „Vorschlag zur Ausbürgerung“ nicht nur von Irene, sondern auch von Else und Werner durch die Gestapo. Artur Barasch verkauft weitere Vermögensteile. Durch regelmäßige Bestechungsgelder hält er sich die Nazis vom Leib, erinnert sich Werner in „Entronnen“.

Zwischen Januar 1940 und Februar 1942 wird sein Vermögen sukzessive beschlagnahmt. In dieser Zeit wird er mit dem Vorwurf eines Devisenvergehens konfrontiert, zur Untersuchungshaft vom 18.12.1940-30.5.1941 im Strafgefängnis Plötzensee inhaftiert und schließlich zur Zahlung von 40.000 RM verurteilt. Die Summe bringt, laut Akten im Landesarchiv Berlin, sein Bruder Georg, der damals in der Schweiz lebte, auf. Fräulein Louise Härtel, seine Sekretärin, schreibt Werner, dass der Vater im Mai 1942 in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt wurde und dort gestorben sei: „Auf Staatskosten eingeäschert.“ Ein anderer Freund berichtet Werner, dass sein Vater am elektrischen Zaun Selbstmord begangen hätte. Auf Antrag seiner Frau Irene wird Artur Barasch nach dem Verschollenheitsgesetz am 25. Juli 1947 für tot erklärt. Als Todesdatum werden der 6. November 1942 und das KZ Sachsenhausen als Ort seines Todes mit folgender Begründung fest gelegt:

„Der Ehemann der Antragstellerin gehörte zu dem aus rassischen Gründen verfolgten Personenkreis. Seinen letzten Wohnsitz hatte er in der Berlin-Grunewald, Wissmannstr. 11. Im Mai 1942 wurde er inhaftiert und in das KZ-Sachsenhausen eingeliefert. Nach Angaben der Gestapo vom 21. November 1944 ist er am 6. November 1942 in einem KZ verstorben.“

In Sachsenhausen gibt es jedoch keine Hinweise auf Artur Barasch. In weiteren Archiven finden sich Dokumente mit unterschiedlichen Aussagen: Artur Barasch sei am 1. Mai 1942 nach Oranienburg deportiert worden, er sei in Auschwitz umgekommen, er sei nach dem Osten deportiert worden, er sei am 6. April 1942 gestorben oder am 22. Dezember 1943, in welchem KZ, sei unbekannt.

Nachtrag im Juli 2015:

Am 3. Juli 2015 finden sich nach fast einjähriger Recherche in allen relevanten Archiven und Suchdiensten die Dokumente, die Artur Baraschs Tod belegen: in einem Schreiben der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) an den Oberfinanzpräsidenten Breslau vom 10. November 1943 wird mitgeteilt, dass Arthur Barasch am 6. November 1942 im Konzentrationslager Auschwitz gestorben ist. Das zweite Dokument ist ein Eintrag des Namens Arthur Israel Barasch in das Verzeichnis der zwischen November und Dezember 1942 im Standesamt des Lagers Auschwitz ausgestellten Sterbeeintragungen.

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Doch zurück zur Geschichte: Irene Barasch-Haas und ihre Kinder Werner und Else entscheiden sich dafür, in Kalifornien zu bleiben. Warum sollten sie zurückkehren? Der Ehemann und Vater ist tot, viele ihrer Freunde haben sie verloren, das gemeinsame Zuhause ist verkauft, das Geschäft vernichtet. Am 1. Juni 1950 stellt Irene Barasch-Haas für sich und ihre Kinder beim Treuhänder der Amerikanisch-Britisch-Französischen Militärregierung den Antrag auf Rückerstattung der Wissmannstraße 11. Diese hatte das Grundstück als Zwangsverkauf mit der Begründung „ungerechtfertigter Entziehung durch erzwungenen Vertrag“ unter ihre Kontrolle genommen. Sein derzeitiger Besitzer des Villengrundstücks und Antragsgegner ist Franz Grossmann. Dieser versucht der Rückerstattung zu entgehen. In seitenlangen Ausführungen an das Gericht bezichtigt er unter Auferbietung von Zeugen, deren Glaubwürdigkeit das Gericht jedoch bezweifelt, Artur Barasch eines „liderlichen Lebenswandels“: Die Ehe sei durch vielfältige Liebschaften zerrüttet gewesen, er habe ein ausschweifendes Leben geführt, das weit über seine finanziellen Möglichkeiten gegangen sei, dazu hätte er regelmäßig Umgang mit Parteimitgliedern der Nazis gepflegt und ihnen Geldgeschenke gemacht. Mitnichten sei der Verkauf ein Zwangsverkauf gewesen. Er habe zur Aufrechterhaltung des luxuriösen Lebensstils gedient, der Verkaufspreis hätte den damals üblichen Preisen entsprochen. Das Gericht gibt dazu ein Gutachten in Auftrag. Der Quadratmeterpreis wird von einem Sachverständigen auf 8 RM festgelegt. Die von der Familie mit dem Rechtsstreit beauftragte Firma Investa in Berlin-Halensee zweifelt das Gutachten an und schätzt den Wert des Grundstücks samt Villa und Gartenhaus auf 100.000 RM. Im Jahr 1938 seien in Grunewald Quadratmeterpreise zwischen 16 und 24 RM bezahlt worden. Das Gericht folgt dieser Ansicht nicht. Am 11. November 1952 verzichtet Irene Barasch-Haas für sich und ihre Kinder auf die Rückerstattung und lässt sich auf einen Vergleich ein. Franz Grossmann wird zur Nachzahlung von 8.000 DM zuzüglich 4 % Zinsen verpflichtet. Der Fall Wissmannstraße 11 in Berlin-Grunewald ist für die Familie Barasch erledigt.

Nicht so für die Grossmanns. Die letzte Eigentümerin aus dieser Linie ist Margarete Heinze-Grossmann. Im Jahr 2007, nach dem sie viele Jahre allein die Villa bewohnt hat, muss sie den bebauten Teil des Grundstücks verkaufen. Der Erlös dient der Sicherung ihrer letzten zwei Lebensjahre in einem Seniorenheim. Da unklar ist, ob sie Erben hat, wird das 1.500 qm große Gartengrundstück vom Amtsgerichts Berlin verwaltet. Am 1. April 2014 verkauft dieses bei nach wie vor ungeklärter Erbschaftslage den Garten für 1.550.000 € an den Berliner Immobilienmakler und Bauherrn Ralf Schmitz, der auf dem Grundstück eine Villa erbauen möchte.

Am 6. Januar 2014 telefoniere ich zum ersten Mal mit Toni Ross, der Tochter von Else Barasch und Enkelin von Artur Barasch. Ein Freund hatte ihre Telefonnummer in Kalifornien recherchiert. Ich berichte ihr von meiner Initiative zur Rettung des Gartens ihrer Familie durch die Umwandlung in einen öffentlichen Bürgergarten der Erinnerung. Anhand der Geschichte ihrer Familie soll, so meine Idee, dort an das Leid der jüdischen Bevölkerung zur Zeit des Nationalsozialismus gedacht werden. Am anderen Ende der Leitung zuerst großes Erstaunen ob der fremden Anruferin, dann viele Fragen: „Sie leben im Gartenhaus? Sie kennen die Geschichte meiner Familie? Woher, seit wann? Was für eine phantastische Idee, den Garten zu retten. Aber warum engagieren Sie sich so?“

Werner Barasch Gedenkfeier 2014

Ich erzähle ihr: „Der Garten ist der wahrscheinlich älteste angelegte Garten im Grunewald. Er entstand 1891/92, als der Architekt Wilhelm Walther die Villa errichtete. Über 130 Jahre alte Bäume stehen im vorderen Teil, dem Zier- und Wandelgarten. Der hintere beherbergt Obstbäume, Äpfel und Pflaumen reifen noch immer jedes Jahr. Eine Vielzahl von Vogelarten lebt in den Wipfeln der Bäume, Fledermäuse bewohnen mehrere Nester und Eichhörnchen tollen durch die Zweige. Nein, das Gewächshaus gibt es nicht mehr, auch nicht das große Rosenrondell oder die Pfauen und Ziegen. Aber der Garten ist ein kleines Paradies und zudem eine der letzten großen Freiflächen in Grunwald. Auch deshalb muss man den Garten bewahren. Unvorstellbar, dass die alten Bäume für den Bau einer Villa gefällt und die Spuren ihrer Familie gelöscht werden.“

Mit diesem Anliegen, so erfährt Toni Ross von mir, war ich bereits Anfang Dezember zu Ralf Schmitz Immobilien am Kurfürstendamm gegangen. Mit der Übergabe des Buches „Entronnen“ von Werner Barasch hatte ich dort darum gebeten, von dem, was der Garten einmal war und für die Familie Barasch bedeutet hat, soviel wie möglich zu erhalten, denn noch immer ist er ein geschichtliches Zeichen, das uns an die Vergangenheit gemahnt. Auf diese Bitte hin wurde mir eine Gedenktafel an der neuen Villa in Aussicht gestellt, die auf die Familie verweist. Einige Tage später jedoch wurde mir klar, dass dies angesichts der zweifachen historischen Bedeutung keine befriedigende Lösung sein kann.

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Seither kämpfe ich um die Rettung des Gartens. Ich ging ein zweites Mal zu Ralf Schmitz Immobilien und berichtete von meiner Vision des Bürgergartens. Ralf Schmitz war zu diesem Zeitpunkt noch nicht Eigentümer des Gartens. Einer seiner Mitarbeiter signalisierte mir: Würde ich einen zahlungskräftigen Unterstützer finden, der die Kaufsumme für den Garten aufbringt, könnte ich die Idee des Bürgergartens realisieren.

Am 14. März fand die erste Gedenkfeier im Garten statt. Sie enthielt alle Bestandteile der Vision. Eine Woche zuvor habe ich mit Nachbarn und dreizehn Jugendlichen den Garten aufgeräumt und für die Feier fein gemacht. Dabei erzählte ich den jungen Leuten vom jüdischen Leben in Berlin vor dem 2. Weltkrieg, vom Leid der Familie Barasch durch Vertreibung, Flucht, Not, Konzentrationslager und Tod, von der Rettung, wie sie Werner Barasch in seinem Buch beschreibt, ich berichtete ihnen aber auch über die Briefe und Gespräche mit Toni Ross und ihren Verwandten. Gemeinsames Arbeiten im Garten, gepaart mit politischer Bildung für Demokratie und gegen rechtes Gedankengut, das ist elementarer Teil der Idee.

Für die Feier selbst hatte ich Fotos der Baraschs in den Garten gebracht. Sanft strich der Wind über die Fotos der Verstorbenen wie ihrer Nachkommen. Für einen Nachmittag war die Familie in ihren Garten zurückgekehrt. Umrahmt von Musik und Gesang lasen zwei Schauspieler aus dem Buch „Entronnen“. Freunde, Nachbarn, Vertreter aus dem Abgeordnetenhaus, dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, der evangelischen Kirche und der Medien waren gekommen. Die Feier endete am Gleis 17, wo wir Blumen legten und gemeinsam der jüdischen Bürgern Berlins gedachten, die von dort ihren Weg in die Konzentrationslager antreten mussten.

Gedenkfeier

Seither kommen immer wieder Leute vorbei, die durch Presse, Rundfunk und Fernsehen von der Idee erfahren haben und den Garten der Erinnerung besuchen möchten.

Anerkennung erfahre ich von Politikern wie Reinhard Naumann, Bürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, Marc Schulte, Stadtrat für Stadtentwicklung, Barbara Scheffer (Beauftragte für Kultur im Landesvorstand der SPD) so wie Mitgliedern verschiedener Fraktionen des Abgeordnetenhauses. Prof. Dr. Nachama (Topographie des Terrors), Rikola-Gunnar Lüttgenau (Stiftung Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau Dora), Prof. Dr. Schoeps (Moses Mendelssohn Stiftung Potsdam), Jochen Michalek (Pfarrer der Evangelischen Kirche Grunewald), Hilde Schramm (Stiftung ZURÜCKGEBEN) sowie viele weitere namhafte Persönlichkeiten und Stiftungen hoffen, selbst wenn sie das Geld für den Kauf des Gartens nicht aufbringen können, auf die Umwandlung des Gartens in den ersten „Öffentlichen Bürgergarten der Erinnerung“. Denn einen solchen gibt es nicht in Berlin. Einen Garten, in dem sich Berliner Bürger und Bürgerinnen aktiv an der Pflege und Bewahrung beteiligen können, ein Garten, für den Schulen Patenschaften übernehmen, in dem sich Jugendliche künstlerisch mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander setzen und dem Erinnern widmen, mit wechselnden Ausstellungen ihrer Arbeiten, die berücksichtigen, dass Erinnern heute ein anderes sein wird als in zehn, zwanzig Jahren. Lesungen kann es dort geben und Konzerte, aber auch Feiern, denn es soll kein „heiliger“ Gedächtnisort sein, sondern ein Garten, in dem Kinder spielen, so wie einst Else und Werner, als ihre Kindheit noch unbeschwert war. Und natürlich hofft auch die Familie in Kalifornien auf einen solchen Garten für Berlin an diesem Ort.

Im Juni gründet sich der Verein „Öffentlicher Bürgergarten der Erinnerung e.V.“. Am 25. Juni übernimmt die „Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen“ zu Ehren an Artur Barasch eine Patenschaft für den Bürgergarten. Zum Gedenken an Else und Werner Barasch wird am 29. Juni das Walther-Rathenau-Gymnasium ideeller Pate. Beide haben als Kinder diese Schule, die früher Grunewald-Gymnasium hieß, besucht. Das erste Jugendprojekt mit Schülern dieser Schule startet im September (siehe Aktionen). Die Idee des Gartens lebt!

Die Bäume stehen noch, noch kann der Garten gerettet werden. Was es dafür braucht? Berliner Bürgerinnen und Bürger, Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft, die mit Gestaltungswillen und –freude der Idee zum Leben verhelfen. Noch ist Zeit. Doch sie eilt.

Am 14. November 2001 gab Werner Barasch in San Francisco im Rahmen des „The Bay Area Holocaust Survivor Oral History Project“ ein 2-stündiges Interview über das Leben seiner Familie in Breslau und Berlin sowie über die Jahre seiner Flucht von 1938-1945.

Copyright: „Interview of Werner Barasch is from the archives of the Tauber Holocaust Library of the Jewish Family and Children’s Services Holocaust Center.“

Nach 1 Stunde und 28 Minuten gibt es eine 2 minütige Tonstörung.

Autorin: Barbara Gstaltmayr
Quellen: Gespräche mit Toni Ross, „Entronnen“ von Werner Barasch, Verlag Haag und Herchen, Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Landesarchiv Berlin.